Kreis Herford. Zwei Jahre Pandemie – das ist auch am Jobcenter Herford nicht spurlos vorbeigegangen. „Die vergangenen zwei Jahre waren für uns ereignisreich“, resümiert Klaus Binnewitt, Geschäftsführer des Jobcenters. Während sich der Arbeitsmarkt im vergangenen Jahr deutlich robuster und aufnahmefähiger zeigte, was sich auch in einer sinkenden Zahl von Arbeitslosengeld II-Empfängern auswirkte, hat die Pandemie die Lage insbesondere für langzeitarbeitslose Menschen deutlich verschärft.
Zahl der Bedarfsgemeinschaften im Jahresdurchschnitt:
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2021: |
2020: |
2019: |
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7.468 |
7.675 |
7.624 |
Das Jahr 2021 im Überblick
Die Zahl der Haushalte im Kreis Herford, die 2021 Leistungen der Grundsicherung für Arbeitsuchende bezogen, verringerte sich im „Vor-Corona-Vergleich“ auf 7.468 im Jahresdurchschnitt. Im Vergleich dazu lag die Zahl 2020 (7.675) und 2019 (7.624) etwas höher. Insgesamt haben 14.773 Personen „Hartz IV“-Leistungen empfangen – auch das ist weniger als noch 2020 (15.532) und 2019 (15.538).
Die Zahl der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten stieg von 10.645 im Jahr 2019 auf 10.724 im Jahr 2020. Auch hier gibt es einen leicht positiven Trend. Die Zahl sank 2021 auf 10.325 und damit um 3,0% im Vergleich zu 2019.
Die Entwicklung bei den unter 15-Jährigen verlief weiterhin günstig. Deren Zahl ging jahresdurchschnittlich auf 4.448 zurück. Im Vergleich zu 2019 setzt sich damit ein positiver Trend fort: Schon von 2019 auf 2020 war die Zahl von 4.893 leicht auf 4.808 gesunken.
Der Anteil der Arbeitslosen unter 25 Jahre sank um 6,8 Prozent von 405 im Jahr 2020 auf 377 im vergangenen Jahr – exakt der Wert von 2019.
Bei den Langzeitarbeitslosen verstetigte sich leider eine andere Tendenz. Lag die Zahl 2019 noch bei durchschnittlich 2.058, stieg sie im ersten Jahr der Pandemie um 11,5 Prozent auf 2.295 und 2021 weiter auf 2.642 – ein erneuter Zuwachs um 15,1%. Insgesamt gab es einen Zuwachs von 28,4% von 2019 bis 2021.
Ein Großteil der Arbeitslosengeld II-Bezieher ist nicht arbeitslos. Das liegt daran, dass diese Personen erwerbstätig sind, kleine Kinder betreuen, Angehörige pflegen oder sich noch in der Ausbildung befinden.
Bei der Zahl der vom Jobcenter betreuten Arbeitslosen gab es ebenfalls ein Minus: Diese sank von 4.702 leicht auf 4.641 (-1,3%). Damit liegt sie allerdings immer noch über dem Jahresdurchschnitt von 2019 (4.350).
Zahlung von Leistungen hat weiter Priorität
„Dank der pandemiebedingten gesetzlichen Regelungen war glücklicherweise eine etwas unbürokratischere Hilfe machbar“, sagt Klaus Binnewitt im Rückblick. „Unter den Hilfebedürftigen waren viele, die das erste Mal in ihrem Leben mit diesem Leistungssystem in Berührung kamen, wie etwa Selbstständige. Auch während des sogenannten harten Lockdowns war es so möglich, zügige Auszahlungen von Geldleistungen zu gewähren, um Menschen in finanzieller Not schnell zu helfen. Zusammengerechnet waren das im letzten Jahr über 80 Mio. € unter anderem für Wohnungskosten, Geld für das tägliche Leben sowie etwa für das Mittagessen an Schulen und in Kitas.“
Um die zusätzliche finanzielle Belastung durch die Corona-Pandemie abzufedern, wurde Kundinnen und Kunden im Mai eine Einmalzahlung in Höhe von 150 Euro ausgezahlt. Familien erhielten im August außerdem einen Kinderfreizeitbonus in Höhe von 100 Euro pro Kind. Außerdem wurden sie bei der Beschaffung von digitalen Endgeräten finanziell unterstützt, um für den Distanzunterricht gerüstet zu sein. „Diese zusätzliche Unterstützung hat zur Abmilderung der finanziellen Folgen beigetragen“, so Binnewitt.
Diese nicht immer einfache Arbeit der Beschäftigten im Jobcenter wissen die beiden Träger Agentur für Arbeit und Kreis Herford zu schätzen: „Mein Lob aus dem vergangenen Jahr erneuere ich an dieser Stelle sehr gerne: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Jobcenter haben auch unter schwierigen Bedingungen wieder einen tollen Job gemacht. Diese gesellschaftliche Verantwortung nehmen sie sehr ernst und leisten einen wichtigen Beitrag, um den sozialen Frieden zu sichern“, dankt Landrat Jürgen Müller den Beschäftigten. Dieser Wertschätzung schließt sich Frauke Schwietert, Vorsitzende der Geschäftsführung der Arbeitsagentur Herford, an mit dem Hinweis, dass rechtskreisübergreifend die Jobcentermitarbeiter die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik aktiv vor Ort mitgestaltet haben.
Ausblick 2022
Trotz der insgesamt positiven Tendenz, warten große Herausforderungen. „So sehr wir uns darüber freuen, dass wir bei den vom Jobcenter betreuten arbeitslosen jungen Menschen den Stand vor der Pandemie erreicht haben - auf die Entwicklung bei den langzeitarbeitslosen Menschen schauen wir dagegen mit Sorge“, sagt Frauke Schwietert. Arbeitslosigkeit dürfe sich nicht verfestigen, bestenfalls erst gar nicht entstehen, führt sie aus: „Sich diesem Trend entgegenzustemmen, erfordert hohes Engagement und viel Kraft. Wir sind gleichzeitig aber auch der festen Überzeugung, dass wir z.B. mit Qualifizierungsangeboten, dem Teilhabechancengesetz und verschiedenen sozialräumlichen Projekten die richtigen Werkzeuge im Koffer haben, um die Entwicklung umzukehren.“
Diese Ansicht teilt auch der Landrat: „Insbesondere die sozialräumlichen Projekte in den Ortsteilen und Quartieren halte ich für hilfreich. Dieser Ansatz ermöglicht, vor Ort deutlich präsenter zu sein und in einer vertrauten Atmosphäre, auf die Problemlagen der Menschen eingehen zu können und Hilfe zur Selbsthilfe zu organisieren.“
Daneben besteht weiterhin hoher Bedarf an Fach- und Arbeitskräften auf dem Arbeitsmarkt. Hierbei rückt das Thema Chancengleichheit von Frauen noch stärker in den Fokus – der Geschäftsführer setzt auf Sensibilisierung: „Auch wenn sich schon viel getan hat und uns die Aufgabe der Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt schon viele Jahre begleitet, wollten wir für die Beratung im Jobcenter noch einmal neue Impulse setzen. Wir haben das zum Anlass genommen, um die Kolleginnen und Kollegen aus der Arbeitsvermittlung und auch die Führungskräfte im Hinblick auf Gendersensibilität zu schulen. Wir möchten die notwendigen Voraussetzungen schaffen, um Frauen noch besser unterstützen zu können.“ Ziel sei es, Frauen und Männern gleichberechtigt an Förderungen zu beteiligen und so existenzsichernd und nachhaltig in den allgemeinen Arbeitsmarkt einzugliedern.
Abzuwarten bleibt, wie sich die von der Ampel-Koalition angestrebte Änderung von Arbeitslosengeld II hin zum neuen Bürgergeld auswirken wird. „Im Koalitionsvertrag werden viele Themen im Sozialgesetzbuch II angepackt, die wichtig sind und die wir auch als Praktiker unterstützen“, so Klaus Binnewitt. Das seien neben verbesserten Qualifizierungsmöglichkeiten auch Vereinfachungen in der Administration, beispielsweise die Möglichkeit, dass zukünftig neben zwei- auch dreijährige Umschulungen gefördert werden könnten. „Notwendig ist auch die Verstetigung des sozialen Arbeitsmarktes. Damit könnten noch mehr langzeitarbeitslose Menschen am Arbeitsmarkt teilhaben und Familien, in denen Menschen lange arbeitslos waren, stabilisiert werden. Dafür haben wir uns immer eingesetzt“, so der Jobcenter-Chef mit Blick auf die Zukunft.
